Anmerkung: mein Name ist im nachfolgenden Text falsch wiedergegeben worden (Heideker statt Heineker)

«Taucher Domizil» bietet Kurs für Behinderte an
Spastiker tauchen zum Spaß unter
Betroffener Experte: Unter Wasser sind wir alle gleich
Nicht als Therapie anerkannt


Von Corinna Jirmann
© Schwäbische Donau Zeitung, 17.05.2000

Neu-Ulm. - Tauchen für Behinderte - fast so selten wie Surfen für Hunde. «Im Raum Ulm gibt es das gar nicht», sagt Tauchschulbesitzer Uwe Schmidt. Da unter Wasser aber die Seele baumeln kann und sich Krämpfe lösen, bietet er nun einen Tauchkurs für behinderte Menschen an.

Freitagabend im Hallenbad Neu/Ulm: Über den Grund des Nichtschwimmerbeckens gleitet Uwe Heideker so geschmeidig wie es sich für einen Mann gehört, der außer seiner Pressluftflasche schon stolze 300 Tauchgänge auf dem Buckel hat. Erst als der Mühlheimer Sozialpädagoge auftaucht, wird sichtbar: Der Mann ist spastisch gelähmt. Im 28 Grad warmen Wasser waren seine Arme und Beine völlig entspannt, jetzt aber verkrampfen sie sich wieder und er braucht beim Ausziehen seiner Montur Hilfe. Tauchlehrer Uwe Schmidt und sein Mitarbeiter sind sofort zur Stelle.

«Unter Wasser sind wir alle gleich», sagt Heideker, und Schmidt nickt zustimmend. Nur weiß das von den Behinderten kaum einer aus eigener Erfahrung, denn Kursangebote sind rar. Schmidt jedenfalls kennt keines in der Region - Grund für den Besitzer des «Taucher Domizils», einen Kurs für Menschen mit Behinderungen aller Art anzubieten.

Fünf Tauchlehrer und mehrere Mitarbeiter der Lebenshilfe Neu-Ulm kümmern sich um die Teilnehmer, kostenlos. Denn der Sport ist nicht eben billig (ein Grundkurs kostet rund 1.000 Mark) und wird in Deutschland, anders als in Israel und den USA, nicht als Therapie anerkannt.

«Dass Wasser eine wohltuende Wirkung hat, ist wissenschaftlich belegt», sagt der von Schmidt als Experte eingeladene Spastiker und Hobbytaucher Heideker. Genau das ist auch an den Gesichtern und Körpern der vier behinderten Gäste im Nichtschwimmerbecken abzulesen. Spastikerin Angelika Walzel, zuvor noch skeptisch, strahlt: «Das ist ein hervorragendes Gefühl, ganz neu: herunterschauen auf den Boden und durch die Sauerstoffmaske atmen.» Die Angst von vorhin ist wie weggeblasen. Ihre Arme wirken lockerer und ihr Zutrauen in sich selbst größer. «Ich komme wieder», verspricht sie nach dieser ersten Schnupperstunde. «Das ist so cool, einfach geil, das können wir wieder machen», findet auch der geistig behinderte Jürgen Sklomeit und klatscht in die Hände.

Selbstvertrauen stärken

Schmidt, selbst am Knie gehandicapt, hat solche Reaktionen erwartet. Schließlich hat er schon seinen schwerkranken Schwiegervater in die Unterwasserwelt entführt. Etwas anbieten, das Spaß macht, aufregend ist und das Selbstvertrauen stärkt - so lautet sein Motiv. Dass sich in warmem Wasser Muskeln entspannen und Krämpfe lösen, sei zudem ein schöner Nebeneffekt, der manchmal auch noch hernach eine Zeit lang anhalte.

Im Schwimmbecken kümmern sich derweil drei Betreuer (zwei Tauchlehrer und eine Vertrauensperson) um einen Schüler. «Normalerweise ist das Verhältnis umgekehrt», sagt Tauchlehrer Günter Lambacher. Als Rettungsassistent hat er auch Erfahrung im Umgang mit Kranken und Behinderten. Eine spezielle Ausbildung zur Leitung solche Kurse sei jedoch keine Pflicht.

Heideker merkt kaum Unterschiede zwischen sich und Nichtbehinderten: «Meine Kondition ist zwar schwächer und das Zur-Nase-Fassen für den Druckausgleich fällt mir schwer, aber das ist alles.» Natürlich gelte wie für alle Taucher: Vor dem Abtauchen einen Gesundheitscheck beim Arzt machen lassen, um Herz und Lunge zu testen.

Info

Wer Interesse an dem Tauchkurs für Behinderte hat, kann sich unter Telefon: 0731 / 921 67 70 informieren. Die Tauchschule trägt derzeit die Kosten, sucht aber noch Sponsoren.