Tauchen ist für Behinderte besonders geeignet

Von Arnd Petry, dpa

Berlin/Mülheim/Ruhr (dpa/gms) - Tauchen ist ein Sport, der viele begeistert. Und auch wenn es sich dabei heute längst nicht mehr um den abenteuerlich anmutenden Männersport der Pionierzeit handelt, bringen nur wenige die Begriffe Körperbehinderung und Tauchen in Verbindung. Dabei eignet sich der Unterwassersport gerade für Behinderte.

"Tauchen ist der integrative Sport schlechthin", sagt der Spastiker Uwe Heineker aus Mülheim an der Ruhr. Weil es sich um einen Partnersport handelt, Tauche nie allein, lautet eine der Grundregeln, habe er durch sein Hobby viele Freundschaften mit nicht behinderten Tauchern geschlossen. Dabei fühlt er sich diesen nicht unterlegen.

"Das Tauchen ist für viele Behinderte oft die einzige Gelegenheit, den Rollstuhl zu verlassen", sagt die ebenfalls in Mülheim lebende Tauchlehrerin Henrike Aust von der "Handicapped Scuba Association" (HSA), einer Tauchsportorganisation, die sich speziell um Behinderte kümmert. "Viele entdecken auf diese Weise neue Lebensziele", sagt sie. "Die wollen plötzlich in die Karibik und Haie sehen."

Der Tauchmediziner Holger Göbel aus Berlin betont zudem den therapeutischen Nutzen bei der Rehabilitation von Querschnittsgelähmten: "Beim Tauchen im Becken können die Betroffenen ihren Herzmuskel und auch die Atemmuskulatur trainieren." Im Wasser werde die Schwerkraft scheinbar verringert und durch den Wasserdruck vermehrt Blut aus den Beinen in den Brustraum gedrückt. Dadurch wird das Herz stärker belastet.

Das Gleiche gilt nach Göbels Worten für die Atemmuskulatur, denn sie muss die Lungen entgegen dem Wasserdruck mit Luft füllen. Vielen der auf diese Weise Behandelten scheinen die Unterwasserausflüge im Schwimmbecken zu gefallen: "Die meisten tauchen auch nach der Behandlung weiter."

Laut Göbel können im Prinzip alle Körperbehinderten, neben Querschnittsgelähmten zum Beispiel auch Multiple-Sklerose-Patienten, Blinde, Taube oder Menschen, denen Arme oder Beine amputiert wurden, das Tauchen lernen. Wie bei nicht Behinderten auch müsse aber in jedem Fall eine Tauchtauglichkeitsuntersuchung bei einem Arzt entscheiden.

"Einzig geistig Behinderten ist das Tauchen generell untersagt", so der Mediziner. "Jeder Taucher sollte seinen Tauchgang auch selbst planen können", erklärt Tauchlehrer Wolfgang Ippen, der mit Göbel gemeinsam beim Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) im hessischen Mörfelden-Walldorf für das Behindertentauchen zuständig ist.

Beim VDST können Körperbehinderte seit dem vergangenen Jahr das Tauchen lernen. Sie durchlaufen grundsätzlich die gleiche Ausbildung wie körperlich unversehrte Sportler. Können die Betroffenen auf Grund ihrer Behinderung allerdings bestimmte Fertigkeiten nicht erlernen, werde dies im Tauchpass festgehalten, erklärt Göbel.

Mit derart modifizierten Zertifikaten sollen zur Sicherheit der Taucher so genannte Good-will-Brevets verhindert werden, Situationen, in denen der Tauchlehrer ein Auge zudrückt und das Bestehen sämtlicher Prüfungsteile bescheinigt. Nach einem Blick in den Tauchpass sei jeder Übungsleiter in der Lage, die Fähigkeiten des Betreffenden einzuschätzen.

Nach Ansicht der HSA sollte es sich bei der Ausbildung Behinderter jedoch nicht um eine entschärfte Version eines normalen Tauchscheins handeln, sondern um eine Spezialausbildung, die der Leistungsfähigkeit des Betreffenden genau angepasst wird: "Keine Behinderung gleicht der anderen", sagt Henrike Aust. Die Tauchschüler müssten daher jeweils spezifische Fertigkeiten erhalten, die gesunde Taucher nicht benötigen.

"Wenn jemand keine Beine hat, braucht er auch eine andere Flossentechnik", erläutert die Expertin. Für Querschnittsgelähmte gibt es beispielsweise Handschuhe mit "Schwimmhäuten" zwischen den Fingern. Eine weitere Möglichkeit ist etwa, bei herkömmlichen Flossen den Fußteil abzuschneiden und mit Klettbändern - Flügeln gleich - an den Unterarmen zu befestigen.

Solchermaßen ausgebildet stehen Behinderten die Meere der Welt offen: Schulen, die sich auf ihre Bedürfnisse eingerichtet haben, gibt es mittlerweile in allen bekannten Tauchgebieten. Informationen darüber finden sich auf der Homepage der HSA. Mitunter sind die gehandicapten Sportler dann sogar ihren nicht behinderten Tauchpartnern überlegen, hat Tauchmediziner Göbel beobachtet: "Taube könne sich unter Wasser in Gebärdensprache fließend unterhalten."

Informationen: Handicapped Scuba Association, Fuchsgrube 35, 45478 Mülheim/Ruhr, Tel.: 0160/99 79 04 90; Verband Deutscher Sporttaucher, Tannenstraße 25, 64546 Mörfelden-Walldorf, Tel.: 06105/96 13 02.

www.hsa-europe.org

www.vdst.de


dpa/serviceline vom 16.06.2003 09:20